75 Jahre Grundgesetz

Die Bedeutung von Religion und Kirche für die freiheitliche Demokratie - Die Katholische Kirche Reutlingen auf der Kundgebung am 15. Mai 2024 in Reutlingen

Quelle: Wikimedia

"Demokratie braucht Religion" (Hartmut Rosa)

Soziologen und Verfassungsrechtler mahnen neuerdings immer wieder die Bedeutung von Religion oder Glauben für die demokratische Gesellschaft an. Schon aus dem Jahr 1967 stammt das vielzitierte Wort von Ernst-Wolfgang Böckenförde: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“

In neuerer Zeit hat ein Vortrag mit dem Titel „Demokratie braucht Religion“ des Soziologen Hartmut Rosa große Resonanz gefunden. Für ihn hat Religion damit zu tun, dass der Mensch sich dem stellt, was sich seiner Kontrolle entzieht, dass er sich davon ansprechen, „rufen“ lässt. „Ich glaube, diese Gesellschaft braucht die Rückbesinnung auf genau diese Fähigkeit der Anrufbarkeit“, sagt Hartmut Rosa. „Wenn die Gesellschaft das verliert, (…) dann ist sie endgültig erledigt.“

Für diese Rückbesinnung braucht es die entsprechenden Räume, so sagt Hartmut Rosa. Und sie findet er in der Religion mit ihren Symbolen und Ritualen, und in der religiösen Auffassung einer göttlichen Wirklichkeit, die personal ist und dem Menschen zugewandt.

 

Die Würde des Menschen

Der wichtigste Satz unseres Grundgesetzes, „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ entstand aus dem Glauben, dass jeder Mensch von Gott gewollt und geliebt ist. Fällt jede Form einer höheren Instanz oder Macht als Grund für diese Unantastbarkeit der Menschenwürde weg, wird bald fraglich, wie lange wir daran noch festhalten werden.

Der religiös-weltanschaulich neutrale Staat

Auch der Verfassungs- und Staatsrechtler Paul Kirchhof befasst sich in seinem Buch „Religion und Glaube als Grundlage einer freien Gesellschaft“ mit dem Thema. Der religiös-weltanschaulich neutrale Staat, so sagt Kirchhof, darf selbst keine Antwort auf die metaphysische Frage nach dem Grund für Freiheit, Würde und Gleichheit der Menschen geben. Aber er vergleicht die Verfassung unseres Staates mit einem Baum, der verödet, wenn der Humus dieses Baumes nicht gepflegt wird. Zu diesem Humus gehört für Paul Kirchhof das Christentum. Es sei, sagt er, eine wesentliche Grundlage der Menschrechte und der modernen Verfassungsstaatlichkeit. Würde es nicht gepflegt, gehe der Baum, also die freiheitliche demokratische Verfassung des Staates, ein. Die Anfänge davon sehen wir im Auftreten von rechtspopulistischen Strömungen auf der einen und Kriegsbereitschaft auf der anderen Seite. Wer sollte dafür feinfühliger sein als wir Deutschen?

 

Der Missbrauch der Religion

Aber, so mögen heute viele fragen: Sind denn ausgerechnet die Kirchen die richtigen, um über das Heilige und die Begründung der Werte zu sprechen, gegen die sie mit den Missbrauchsfällen in ihren eigenen Reihen – und ja auch mit unzähligen anderen Skandalen im Laufe der Jahrhunderte – so sehr verstoßen haben? Und hat Religion nicht auch oft zur Begründung von Krieg und Unterdrückung gedient?

Religion hat zu tun mit dem Ursprung und Kern unserer Existenz. Sie hat zu tun mit unserer tiefsten Sehnsucht und unseren höchsten Zielen und Idealen. Gerade deswegen ist sie anfällig dafür, dass sie missbraucht wird, um Machtzwecke zu verfolgen und Menschen zu unterdrücken. Der Missbrauchsskandal der Kirchen reicht viel tiefer noch, als wir es sehen. Nicht nur Menschen sind missbraucht worden. Auch die Religion, der christliche Glaube selbst ist unendlich missbraucht worden.

Alles, was wertvoll ist, kann missbraucht werden, je wertvoller es ist, desto schlimmer. Aber es deswegen wegzuwerfen wäre eine Katastrophe. Wie verarmt wäre doch eine Gesellschaft, die das Gefühl für das Heilige vergessen hätte. Wollen wir wirklich ignorieren, dass wir in einer Wirklichkeit leben, die weit über das hinausreicht, was unsere rationale Vernunft fassen kann?

 

Zugang zu Gott

Das Christentum ist eigentlich eine Religion der Liebe, eine Religion des Herzens. Ist uns denn gar nicht mehr bewusst, dass wir in unserem Herzen durchaus einen Zugang haben zu der großen, ewigen Wirklichkeit, die unsere materielle Welt hervorbringt und erhält, die wir Gott nennen? Wir stehen in einer langen Tradition von Menschen, die diesen Zugang gepflegt und kultiviert haben. Wir stehen auch in einer Geschichte, in der man dabei massiv getäuscht und sich geirrt hat. Wir müssen wieder lernen, das eine vom anderen zu trennen.

 

Text: Dr. Jochen Frank